Journaling ist für mich kein Trend, den du dir auch noch aufhalsen musst. Für mich ist es eine einfache Art, wieder ehrlicher mit mir selbst ins Gespräch zu kommen.
Ich saß da mit leerem Blatt. Und keiner Ahnung, was ich schreiben sollte.
Das war während meiner Reha-Zeit, einer Phase, in der ich beruflich und körperlich kürzertreten musste, ob ich wollte oder nicht. Plötzlich war Zeit da. Zeit, die ich nicht mit Funktionieren füllen konnte. Und genau da habe ich wieder angefangen, mich zu fragen: Kerstin, was sind eigentlich deine Stärken?
Ich wusste es. Aber es war nicht mehr präsent. Es war irgendwo vergraben. Ich kannte sehr genau meine Aufgaben, meine Rollen, meine To-do-Listen. Aber meine Stärken? Da kam erst mal nicht viel.
Also fing ich an zu schreiben. Kerze an, ein Duft, den ich mag, leise Musik im Hintergrund. Und dann einfach: schreiben. Ohne Plan, ohne Ziel, ohne den Anspruch, dass etwas Kluges dabei rauskommen muss.
Für dich, wenn …
Dieser Artikel ist für dich, wenn du das Gefühl hast, dass du zwar durch deinen Alltag kommst, aber selten wirklich zu Wort kommst.
Wenn du dich fragst, ob Journaling wirklich was bringt oder nur ein weiterer Punkt auf deiner ohnehin zu langen Liste wäre.
Vielleicht kennst du das auch:
- Du hast ständig Gedanken im Kopf, aber wenn du sie aussprechen willst, sind sie plötzlich weg
- Du triffst Entscheidungen, aber merkst danach, dass du eigentlich noch mit dir hättest reden sollen
- Du hast das Gefühl, du müsstest „mal wieder mehr für dich tun“ – weißt aber nicht genau, was das eigentlich sein soll
- Du liest ständig Impulse, Zitate, Denkanstöße – nickst innerlich, aber sie verpuffen, bevor sie irgendwas verändern
- Du denkst viel nach, kommst dabei aber selten wirklich weiter
Was Journaling für mich ist – jenseits von hübschen Notizbüchern
Journaling wird oft mit schön dekorierten Bullet Journals verwechselt, mit Farbstiften und perfekt sortierten Seiten. Das kann es sein. Muss es aber nicht.
Für mich ist Journaling im Kern: schreiben, um zu denken. Nicht um zu dokumentieren, nicht um es hübsch aussehen zu lassen. Sondern um Gedanken, die sonst im Kopf kreisen, einmal aufs Papier zu bringen und dadurch klarer zu sehen.
Das klingt banal. Ist es aber nicht, wenn man bedenkt, wie selten wir das im Alltag tun. Wir sprechen mit anderen über unsere Gedanken. Wir posten sie manchmal. Aber mit uns selbst reden wir kaum noch, schriftlich schon gar nicht.
Meine Journaling-Geschichte: Wie aus einer leeren Seite ein festes Ritual wurde
Am Anfang dachte ich, ich hätte nichts, worüber ich schreiben könnte. Ja, das hat mich lange vom Journaling abgehalten. In der Zeit meiner Reha habe ich es dann einfach mal ausprobiert. Und es hat mich damals selbst überrascht. Ich, die ständig irgendwas im Kopf hat, saß da und wusste erstmal nicht, wo ich anfangen sollte. Aber dann schrieb ich einfach los.
Rückblickend war genau das der Punkt. Ich war es gewohnt, für andere zu denken, zu planen, zu organisieren. Für mich selbst zu denken, war ungewohntes Terrain.
Ich habe trotzdem weitergemacht. Kerze, Duft, Meditationsmusik, dann einfach losschreiben, egal was kommt. Mit der Zeit kamen Sätze, die mich selbst überrascht haben. Sichtweisen, auf die ich vorher nicht gekommen wäre, wenn ich einfach nur nachgedacht hätte, ohne zu schreiben.
Ich habe angefangen, mir Fragen zu stellen. Nicht, um sie sofort zu beantworten, sondern um sie mitzunehmen. In die Woche, in den Alltag, in ruhige Minuten zwischendurch. Manche Fragen habe ich Tage später wieder aufgegriffen, neu überlegt, anders beantwortet als beim ersten Mal.
Das war für mich der eigentliche Wert. Nicht die eine perfekte Antwort. Sondern der Raum, überhaupt zu fragen.
Warum Journaling in der zweiten Lebenshälfte andere Fragen aufwerfen kann
In der zweiten Lebenshälfte tauchen beim Journaling oft andere Fragen auf als früher. Manche Frauen haben sich längst gefunden, jedenfalls auf dem Papier: Beruf, Familie, Rollen, alles läuft. Nur fühlt sich vieles davon nicht mehr ganz stimmig an.
Die Frage lautet dann seltener: Wer bin ich? Sondern eher: Passt das, was ich heute lebe, eigentlich noch zu dem, was mir wichtig ist? Und wenn nicht, wo genau nicht?
Journaling kann dann weniger von der Frage nach Selbstfindung geprägt sein und mehr von einem ehrlichen Check: Passt mein Leben noch zu mir?
Wenn du gerade weniger nach einer Methode suchst und vielmehr das Gefühl hast, dich selbst im Alltag aus dem Blick verloren zu haben, findest du hier weitere Gedanken zum Thema Klarheit finden ab 40 – wenn du in deinem eigenen Leben kaum noch vorkommst.
Wie ein einfaches Journaling-Ritual aussehen kann
Du brauchst kein besonderes Notizbuch und keine Anleitung mit zwanzig Schritten. Ein Ritual funktioniert schon mit sehr wenig:
- Ein fester, kurzer Rahmen, der dir zeigt: Jetzt geht es um dich. Bei mir sind das Kerze, ein Duft, leise Musik
- Ein leeres Blatt oder eine offene Notiz-App, ganz ohne Anspruch an Form oder Länge. Für mich ist es das Blatt Papier, wenn ich mit der Hand etwas schreibe, fühlt es sich für mich anders an als digital.
- Eine Frage oder ein Satzanfang, an dem du dich festhalten kannst, wenn dir gar nichts einfällt
- Kein Zeitdruck. Fünf Minuten reichen genauso wie zwanzig
- Kein Zwang, es täglich zu tun. Lieber unregelmäßig ehrlich als regelmäßig pflichtbewusst
Eine Frage für deinen Alltag
Welche Entscheidung hast du diese Woche getroffen, ohne dich vorher zu fragen, ob sie eigentlich zu dir passt?
Journaling kann dabei nur eine Möglichkeit sein. In meinen kleinen Achtsamkeitsroutinen findest du weitere Wege, dich im Alltag wieder bewusster mitzudenken.
Was beim Schreiben sichtbar werden kann
Journaling räumt nicht dein Leben auf. Es ersetzt keine großen Entscheidungen, keine schwierigen Gespräche, keine Veränderungen, die du vielleicht schon länger vor dir herschiebst.
Beim Schreiben kannst du Gedanken bemerken, die im Alltag eher diffus bleiben. Manchmal wird dadurch deutlicher, welche Frage dich eigentlich beschäftigt oder wo etwas für dich nicht mehr ganz stimmig ist.
Eigentlich wollte ich … Warum du im Alltag oft anders handelst, als du möchtest.
Du weißt eigentlich, was dir wichtig ist. Und trotzdem entscheidest du im Alltag manchmal ganz anders.
Dieses 30-Minuten-Workbook hilft dir dabei, genauer hinzuschauen: Was ist passiert? Was hättest du eigentlich gewollt? Und was war dir in diesem Moment wichtig?
30 Minuten, um besser zu verstehen, warum du manchmal anders handelst, als du eigentlich möchtest.

Was dieser Gedanke nicht lösen muss
Ein paar Zeilen am Abend lösen nicht deine Beziehung, deinen Job oder etwas anderes. Sie nehmen dir keine Entscheidung ab und ersetzen kein Gespräch, das eigentlich ansteht. Beim Schreiben kann dabei manchmal deutlicher werden, ob du innerlich schon länger etwas ahnst oder eine Frage vor dir herschiebst.
Drei Journaling-Wege, die zu deinem Alltag passen
Nicht jede Frau journalt aus dem gleichen Grund. Deshalb lohnt es sich, den Weg zu wählen, der gerade zu deiner Situation passt:
Fragen, die dir Struktur geben. Wenn du eher jemand bist, der eine klare Frage braucht, um überhaupt anzufangen, sind feste Fragenlisten hilfreich. Hier kannst du tiefer einsteigen 30 Fragen für mehr Klarheit im Alltag.
Journaling für eine konkrete Situation. Manchmal ist der Auslöser nicht „ich will mehr reflektieren“, sondern ein bestimmter Zustand. Du funktionierst nur noch. Du stehst vor einer Entscheidung. Du befindest dich mitten in einer Neuorientierung. Auch dafür entstehen eigene Beiträge auf dem Blog.
Journaling im Jahreslauf. Der Jahreswechsel, der Herbst, ruhigere Phasen im Jahr eignen sich besonders gut für einen etwas ausführlicheren Rückblick. Wenn du den Übergang vom Sommer in den Herbst für einen kleinen Rückblick nutzen möchtest, findest du hier 15 Journaling-Fragen für den Herbst.
Wann du Journaling ausprobieren könntest
- Du denkst abends dieselben Gedanken im Kreis, ohne dass sich etwas klärt
- Du triffst Entscheidungen „aus dem Bauch“, zweifelst danach aber wieder
- Du hast das Gefühl, viele kleine Fragen vor dir herzuschieben
- Du würdest gern öfter wissen, was du eigentlich willst, statt nur, was ansteht
Lesetipp: Fragen zur Selbstreflexion: Wenn du viel nachdenkst – aber nicht weiterkommst. Der Artikel passt gut, wenn dir Journaling allein noch zu offen ist und du konkretere Fragen brauchst.
Häufige Fragen zum Journaling ab 40
Muss ich jeden Tag Journaling machen, damit es etwas bringt?
Nein. Ein festes Ritual hilft manchen, andere journaln lieber unregelmäßig, wenn gerade etwas ansteht. Wichtiger als die Regelmäßigkeit ist die Ehrlichkeit beim Schreiben.
Was, wenn mir nichts einfällt?
Das ging mir am Anfang genauso. Eine feste Frage oder ein Satzanfang hilft meistens weiter. Manchmal reicht auch der erste Satz: „Ich weiß gerade nicht, was ich schreiben soll, aber…“
Brauche ich ein bestimmtes Notizbuch oder eine App?
Nein. Wichtiger ist, dass du überhaupt anfängst. Manche mögen Papier, weil es sich langsamer und bewusster anfühlt, andere schreiben lieber digital. Beides funktioniert.
Ist Journaling das Gleiche wie ein Tagebuch?
Nicht ganz. Ein klassisches Tagebuch dokumentiert oft, was passiert ist. Journaling kann den Blick gezielter auf eine Frage oder ein Thema richten, statt nur festzuhalten, was passiert ist.
Wie finde ich die richtigen Fragen für mich?
Am Anfang helfen oft einfache, offene Fragen, zum Beispiel: Was beschäftigt mich gerade wirklich? Womit habe ich diese Woche gegen mich selbst entschieden? Mit der Zeit merkst du selbst, welche Fragen dich am meisten bewegen.
Fazit
Journaling ab 40 muss nichts Großes sein. Keine perfekte Seite, keine kluge Erkenntnis, kein täglicher Zwang. Manchmal reicht eine Kerze, ein paar Minuten und die Bereitschaft, ehrlich mit dir selbst zu schreiben.
✦ Vielleicht beginnt Klarheit nicht mit der richtigen Frage. Sondern damit, dass du dir überhaupt wieder Zeit nimmst, dir selbst zuzuhören.
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