Und woran ich erkannte, dass ich nicht mehr dieselbe Frau bin
Identität neu denken ab 40 heißt manchmal, einem zwanzig Jahre alten Wunsch endlich in die Augen zu schauen. Bei mir war das eine Chanel-Tasche, die Königin unter den Handtaschen, und ein Satz, der mir zeigte, dass ich nicht mehr dieselbe Frau bin.
Es gibt diesen einen Wunsch, den du seit zwanzig Jahren mit dir herumträgst. Nicht laut, nicht dringend, aber immer da, wie ein leises Versprechen an dich selbst: Irgendwann. Bei mir war es eine Chanel-Tasche. Und als ich sie mir dieses Jahr endlich hätte kaufen können, einfach so, ohne zu überlegen, ohne zu sparen, kam plötzlich ein Satz in mir hoch, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
Diese Geschichte ist keine Geschichte über eine Handtasche. Sie ist eine Geschichte darüber, wie lange wir manchmal an einem Wunsch festhalten, ohne uns zu fragen, was eigentlich dahintersteckt, und was passiert, wenn wir uns diese Frage zum ersten Mal ehrlich stellen.
Manche Wünsche begleiten uns nicht, weil wir das Ding wirklich wollen.
Sondern weil wir aufgehört haben, uns zu fragen, ob wir es noch wollen.
Der Wunsch, der zwanzig Jahre mit mir gereist ist
Angefangen hat alles in meiner Zeit als Bankerin. Ich war jung, ehrgeizig, mitten in einer Welt, in der jedes Detail etwas über dich aussagt: die Kleidung, das Auto, die Uhr, die Tasche.
Ich komme nicht aus einer Familie, in der Designertaschen, große Autos oder teure Reisen normal waren. Bei uns wurde gespart, geplant, vorsichtig gewirtschaftet. Als ich in die Bankenwelt kam, war das ein bisschen wie ein anderer Planet. Plötzlich gab es da Menschen, für die solche Dinge selbstverständlich waren. Und ich wollte dazugehören. Nicht nur beruflich, auch innerlich.
Designertaschen gab es in diesem Umfeld einige. Aber Chanel war anders. Chanel hatten nur wenige Frauen aus meinem Umfeld. Chanel war teurer, exklusiver, fast schon ein bisschen unantastbar. Für mich war sie die Königin unter den Handtaschen. Nicht einfach nur schön, sondern ein Statement.
Und das Statement, das ich mir davon erhoffte, war ziemlich klar, auch wenn ich es mir damals nie laut so eingestanden hätte: Mit dieser Tasche würde ich nach außen zeigen, dass ich ein anderes Leben führe. Ein Leben, in dem ich angekommen bin. Eines, das sich deutlich von dem unterscheidet, aus dem ich komme.
Also setzte sich dieser Wunsch fest. Leise, aber hartnäckig. Über zwanzig Jahre.
Nicht oft, aber immer mal wieder, in ruhigen Momenten, abends, vor dem Einschlafen, tauchte das gleiche Bild auf:
Ich gehe durch die Stadt, die Tasche über der Schulter, das kleine Doppel-C nach außen gedreht. Jemand schaut, vielleicht nur kurz. Aber dieser Blick sagt: Sie hat es geschafft. Und ich, in diesem Bild, gehe weiter, als wäre das ganz selbstverständlich.
Zwanzig Jahre lang blieb das genau das: ein Bild. Bis dieses Jahr aus dem Bild plötzlich eine Möglichkeit wurde.
Der Moment, in dem der Wunsch plötzlich greifbar wurde
Zu meinem 50. Geburtstag sagte mein Mann: Wenn du eine Tasche willst, egal welche, dann jetzt. Ich kaufe sie dir. Kein Sparen, kein Warten. Einfach eine kaufen, wenn du willst.
Ich war überrascht. Und, was ich selbst nicht erwartet hatte, gleichzeitig ziemlich verwundert. Keine Gänsehaut, kein Freudenschrei. Stattdessen schob sich sofort ein leiser, unangenehmer Gedanke dazwischen: Oh nein. Will ich das eigentlich noch? Und falls nicht, wie sage ich ihm das? Enttäusche ich ihn dann nicht?
Diesen Gedanken habe ich genauso schnell wieder weggeschoben, wie er gekommen war. Natürlich freue ich mich. Natürlich will ich das. Wer würde sich über so ein Geschenk nicht freuen?
Ich musste nicht eine Sekunde überlegen, welche Tasche. Es gab für mich nie eine Alternative zu Chanel. Andere Designertaschen habe ich mir kaum angeschaut, denn für mich gab es nur diese eine: die Klassische, in Schwarz, mit der goldenen Kette.
Noch am selben Abend habe ich sie mir online angesehen. Das Modell, den Preis, ein paar Bilder von Frauen, die sie tragen. Ich habe mir vorgestellt, wie sie an meiner Schulter aussehen würde. Vielleicht, dachte ich, kommt das Gefühl noch, wenn ich sie wirklich vor mir sehe. Es fühlte sich an, als müsste ich nur noch zugreifen. Als wäre die Geschichte praktisch schon geschrieben.
„Ich wollte die Tasche nicht mehr. Ich wollte nur wissen, ob ich sie noch will.“
Und dann, ein paar Tage später, beim Abspülen, kam dieser Satz. Einfach so, mitten im Alltag, zwischen einem Topf und einer Pfanne: Ich wollte die Tasche nicht mehr. Ich wollte nur wissen, ob ich sie noch will.
Der Gedanke, den ich am Abend des Geburtstagsangebots so schnell weggeschoben hatte, war plötzlich wieder da. Nur lauter. Und dieses Mal ließ er sich nicht mehr wegschieben.
Ich blieb stehen. Mit dem Schwamm in der Hand. Und merkte: Das ist kein Satz über eine Tasche. Das ist ein Satz über mein ganzes Leben der letzten Jahre.
Denn genau das hatte ich getan, in vielen Bereichen: Mir Dinge gewünscht, weil ich sie immer schon gewollt hatte, ohne mich je zu fragen, ob das für die Frau, die ich heute bin, überhaupt noch stimmt.
Will ich das wirklich? Oder wollte ich das nur immer schon so haben?
Die Frage hinter der Tasche
Als ich anfing, ehrlich hinzuschauen, merkte ich: Ich wollte gar nicht in erster Linie eine Tasche. Ich wollte etwas, das ich dieser Tasche seit zwanzig Jahren angehängt hatte, ohne es zu merken.
Was war das also wirklich? Freiheit? Ein Gefühl von Belohnung für all die Jahre harter Arbeit? Ein Symbol für einen Neuanfang? Ich habe alle diese Möglichkeiten durchgespielt. Aber am Ende blieb eine Antwort übrig, die ehrlicher war als alle anderen: Erfolg. Und Anerkennung.
Diese Tasche war für mich, ohne dass ich es je so benannt hätte, ein Beweisstück. Ein Objekt, das anderen, und mir selbst, zeigen sollte: Ich bin angekommen. Ich gehöre dazu. Ich habe es geschafft. Das wusste ich nicht, weil ich darüber gelesen hatte. Ich wusste es, weil ich an diesem Abend mit dem Schwamm in der Hand stand und es plötzlich spürte. Und glaub mir, das war erst einmal kein schönes Gefühl.
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Was ich wirklich gesucht habe
Um zu verstehen, warum mir Anerkennung über zwanzig Jahre so wichtig war, muss ich ein Stück zurückgehen. Ich war Bankerin, und Managementtrainerin. In beiden Rollen ging es auch um Status. Um die richtige Kleidung, die richtige Wortwahl, den richtigen Eindruck. Erfolg war etwas, das man von außen sehen konnte.
Dann habe ich diesen Weg verlassen und mich selbstständig gemacht. Die ersten Monate waren ehrlich gesagt hart und unbequem. Kein Titel mehr auf der Visitenkarte, keine Menschen, die mir zuhörten, weil sie mussten. Nur ich, mein Laptop, und die Frage: Bin ich noch wer, wenn niemand mehr zusieht?
Ich erinnere mich an Tage, an denen ich mich fragte, ob ich einen Fehler gemacht hatte. Und genau in dieser Unsicherheit hat sich, ganz langsam, etwas verschoben: Erfolg ist nicht mehr etwas, das man zeigen kann. Erfolg ist etwas, das man fühlen kann, auch wenn niemand zuschaut.
Heute, wenn ich auf mein Leben als Bankerin und Trainerin zurückblicke, sehe ich eine Frau, die wahnsinnig viel geleistet hat, aber sich ihren Wert ständig neu beweisen musste. Jedes Jahr, jedes Projekt, jeder Kunde, eine neue Gelegenheit zu zeigen, dass ich gut genug bin. Es war nie wirklich fertig. Es gab kein Ziel, an dem ich hätte sagen können: So, jetzt reicht es, jetzt bin ich angekommen.
Vielleicht war die Chanel-Tasche genau das: ein Versuch, diesem Angekommen-Sein endlich eine Form zu geben. Etwas Greifbares, das sagt: Fertig. Geschafft. Du musst nichts mehr beweisen.
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Mein persönlicher 08/15-Moment: Fünf Jahre, ein Satz, und ein Mann, der mir den Rücken freihielt
Der eigentliche Wendepunkt war kein einzelner Moment. Es waren fast fünf Jahre. Fünf Jahre, in denen ich mich ausprobiert habe, beruflich und auch sonst. Fünf Jahre, in denen mein Mann mir den Rücken freigehalten hat, ohne große Worte, einfach indem er da war, mitgedacht hat, mir Raum gegeben hat für Dinge, die nicht sofort funktioniert haben.
Und als ich ihm dann erzählte, dass ich diese Chanel-Tasche eigentlich gar nicht mehr will, sagte er nur: Du bekommst, was du willst. Kein Vorwurf, keine Überraschung. Einfach: Du bekommst, was du willst. Als wäre das die ganze Zeit selbstverständlich gewesen.
Die Angst, ihn zu enttäuschen, die mir am Abend des Geburtstagsangebots kurz durch den Kopf gegangen war, war komplett unbegründet gewesen.
Das ist krass, wenn ich darüber nachdenke: Der wichtigste Moment dieser ganzen Geschichte war kein Schaufenster, kein Urlaub, kein Blick aufs Konto. Es war ein leises, ehrliches Hinhören. Auf mich selbst. Etwas, das ich, wenn ich ehrlich bin, viel zu lange nicht getan habe.
Identität neu denken ab 40 bedeutet manchmal, einem zwanzig Jahre alten Wunsch ehrlich zuzuhören, und ihm dann ruhig Goodbye zu sagen.
Wofür ich mich stattdessen entschieden habe
Die Tasche hätte mein Leben nicht verändert. Das ist der Satz, der für mich am Ende übrig geblieben ist, und er ist ehrlicher, als ich erwartet hätte.
Wofür ich mich stattdessen entschieden habe, lässt sich nicht in einem Produkt zusammenfassen. Es ist eher eine Richtung. Zeit, die ich bewusster nutze. Projekte, an denen ich arbeite, weil sie mir wichtig sind, nicht weil sie gut aussehen. Dieser Blog hier zum Beispiel, mein E-Book, die Gespräche mit Frauen, die genau an diesem Punkt stehen wie ich vor ein paar Jahren.
Und ganz konkret haben mein Mann und ich uns für gemeinsame Zeit entschieden. Einen Salsa-Tanzkurs, weil wir früher mal getanzt haben und das vermisst hatten. Ein Yogaretreat, ein gemeinsames Fotoshooting und einen Tag im Outlet. Und Zeit, in der ich schreibe, weil ich es will, nicht weil ich es muss.
Freiheit bedeutet für mich heute zum Beispiel, an einem Dienstagvormittag spontan spazieren zu gehen, einfach weil die Sonne scheint und ich gerade keinen Termin habe. Früher hätte ich das als Zeitverschwendung empfunden. Heute ist es für mich ein kleiner Luxus, viel wertvoller als jede Tasche.
Und manchmal, wenn ich morgens an meinem Schreibtisch sitze, mit einem Kaffee, und einfach schreibe, weil mir etwas auf dem Herzen liegt, denke ich: Das hier, genau das, ist mein heutiges Statussymbol. Niemand sieht es. Aber ich fühle es.
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Identität neu denken ab 40: Die Wünsche von früher passen nicht mehr zu der Frau, die ich heute bin
Wenn ich heute auf diese zwanzig Jahre zurückblicke, sehe ich nicht nur eine Tasche, die ich nicht gekauft habe. Ich sehe eine ganze Liste von alten Träumen, die irgendwann einmal zu mir gehört haben, und die heute einfach nicht mehr passen.
Das hat nichts mit Reue zu tun. Die Frau, die diese Tasche wollte, hatte ihre guten Gründe. Sie hat hart gearbeitet, viel geleistet, sich durchgesetzt in einer Welt, die nicht immer leicht für Frauen war. Aber diese Frau bin ich nicht mehr. Ich bin auch die Frau, die ihren eigenen Weg gegangen ist, die sich neu erfunden hat, die heute anders über Erfolg, Freiheit und Status denkt.
Rollenwandel ist ein großes Wort, aber genau darum geht es. Mit Anfang zwanzig wollte ich eine Karrierefrau sein, die alles im Griff hat und ich war es auch. Mit Mitte vierzig wollte ich beweisen, dass ich auch als Selbstständige bestehen kann. Und heute merke ich: Ich will gar nichts mehr beweisen. Ich will einfach leben, so wie es zu mir passt, nicht so, wie es von außen aussehen soll.
Das ist für mich ein Teil der Bedeutung von Identität neu denken ab 40: nicht, alles neu zu erfinden, sondern ehrlich hinzuschauen, welche der alten Wünsche noch zu dir passen, und welche du einfach mit Dankbarkeit verabschieden darfst, weil sie ihre Aufgabe schon erfüllt haben. Sie haben dich nämlich genau hierher gebracht.
Vielleicht kennst du das auch: Du funktionierst, du schaffst, du bist für alle da, und am Ende des Tages bleibt keine Zeit und keine Energie mehr für die Frage, was du eigentlich willst. Stress und Zeitmangel werden zur Ausrede, sich diese Frage gar nicht erst zu stellen. Aber die Frage verschwindet dadurch nicht. Sie wird nur leiser, und meldet sich irgendwann wieder, manchmal in Form eines Wunsches nach einer Tasche, manchmal anders.
Und manchmal ist es genau diese Angst, dass wir es nicht schaffen, die uns dazu bringt, immer wieder nach außen sichtbare Beweise zu suchen. Ein Beweis dafür, dass wir doch okay sind, dass wir doch genug sind. Dabei liegt die ehrlichste Antwort oft viel leiser, nicht in einem Geschäft, sondern in einem ruhigen Moment mit dir selbst, am Spülbecken, beim Spazierengehen, oder einfach beim Nachdenken.
Wenn dich diese Geschichte zum Nachdenken bringt, über deine eigenen alten Wünsche, über das, was wirklich dahintersteckt, dann lohnt sich ein ehrlicher, kurzer Blick auf deinen Alltag, auf die Art wie du Entscheidungen triffst. Triffst du Entscheidungen für dich oder übergehst du dich?
Finde heraus, wie oft du täglich gegen dich entscheidest – ohne es zu merken.
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Die Tasche war nicht die Antwort
Ich finde Chanel-Taschen noch immer schön. Ehrlich. Wenn ich eine im Schaufenster sehe, bleibe ich kurz stehen, die Königin unter den Handtaschen, immer noch beeindruckend. Aber ich brauche keine.
Denn das, wonach ich eigentlich gesucht habe, all die Jahre, habe ich woanders gefunden. Nicht in einem Laden, sondern in der Arbeit, die ich heute mache, in den Gesprächen mit Frauen wie dir, in der Zeit mit meinem Mann, und ganz ehrlich auch in mir selbst.
Das glaubt mir keiner, wenn ich es so erzähle: Zwanzig Jahre Sehnsucht, ein Satz beim Abspülen, und am Ende war die größte Erkenntnis, dass ich diese Tasche gar nicht mehr brauchte. Aber genau das war mega, dieses Gefühl, einem alten Wunsch ruhig und ohne schlechtes Gewissen Goodbye zu sagen.
Identität neu denken ab 40 heißt für mich am Ende genau das: ehrlich hinsehen, was wirklich zählt, und das eigene Leben danach ausrichten, nicht nach den Wünschen von früher.
Die Chanel-Tasche habe ich bis heute nicht gekauft. Der Gutschein wurde am Ende gegen gemeinsame Erlebnisse eingetauscht.
P.S.: Wenn du dich in dieser Geschichte wiedererkennst, wenn du auch einen Wunsch mit dir herumträgst, der vielleicht gar nicht mehr zu dir passt, dann lies gern mal in meiner Leseprobe für mein E-Book „Die 0815-Frau“. Es geht genau um solche Momente. Schau gern mal hinein.
Deine Kerstin







