Zwischen Kindheitserinnerungen, Familientraditionen und der Frage, was heute noch wirklich zu dir passt.
Als Kind habe ich immer ganz aufgeregt vor dem Wohnzimmer gewartet, bis die Glocke geläutet hat.
Dann ging die Tür auf. Ein abgedunkeltes Zimmer, Kerzenschein, ein leuchtender Baum, und darunter die Geschenke. Weihnachtslieder im Hintergrund. Ich habe diesen Moment geliebt. Jedes Jahr derselbe Ablauf: singen, aus der Bibel lesen, die Bescherung, essen, und danach in die Christmette. Kein Jahr ohne dieses Ritual.
Ich liebe Weihnachten. Bis heute. Das vorweg, weil dieser Artikel kein Text gegen Traditionen wird.
Aber mein Weihnachten heute sieht anders aus als das meiner Kindheit. Ich lebe in einer Patchworkfamilie. Und da reicht es nicht, den alten Ablauf einfach zu übernehmen. Mehrere Familien, mehrere Erwartungen, mehrere Orte, an denen Kinder eigentlich gleichzeitig sein müssten. Der klassische Heiligabend-Ablauf meiner Kindheit hätte bei uns nicht funktioniert.
Also haben wir etwas Neues erfunden. Dazu gleich mehr.
Genau darum geht es, wenn ich sage: Weihnachten bewusst gestalten. Nicht weniger Fest. Nicht weniger Tradition.
Sondern eine ehrliche Frage: Was von dem, was wir jedes Jahr tun, gehört wirklich zu uns, und was läuft nur mit, weil es schon immer so war?
| Für dich, wenn … … du Weihnachten grundsätzlich liebst, aber merkst, dass manches davon inzwischen mehr Gewohnheit als Überzeugung ist. Wenn sich deine Familienkonstellation verändert hat, ob durch Patchwork, erwachsene Kinder oder einfach ein anderes Lebensjahrzehnt, und du dich fragst, ob der bisherige Ablauf eigentlich noch passt. |
Warum Weihnachten so schnell zum Autopiloten werden kann
Weihnachten hat für mich eine Eigenheit, die anderen Festen fehlt: Vieles wird nicht jedes Jahr neu entschieden. Wir feiern an diesem Ort. Wir essen dieses Essen. Wir besuchen diese Menschen. Wir machen es am 24., 25. und 26. Dezember ungefähr so, wie wir es immer gemacht haben.
Nicht, weil es für alle noch passt, sondern weil es Tradition ist.
Bei mir war das jahrelang genau dieser Ablauf aus der Kindheit: das Warten vor der Tür, das gemeinsame Singen, die Bibellesung, die Bescherung, danach essen, danach Christmette. Ein Ritual, das mir sehr viel Geborgenheit gegeben hat. Ich wollte es weitergeben, genau so.
✦ Tradition kann Geborgenheit schenken. Sie kann aber auch dazu führen, dass wir lange nicht mehr fragen, ob etwas überhaupt noch zu unserem heutigen Leben passt.
Das ist kein Plädoyer gegen Traditionen. Es ist eine Einladung, sie ab und zu zu hinterfragen, bevor sie zur Verpflichtung werden.
Wie du das für dich sortierst, worauf du dich in deinen Entscheidungen wirklich beziehst, dazu passt mein Artikel Entscheidungsfindung sehr gut als weiterführender Impuls.
Was möchtest du an Weihnachten unbedingt behalten?
Bevor es um Loslassen geht, lohnt sich die andere Frage zuerst: Was ist eigentlich schön?
Bei mir sind das bis heute:
- die Kerzen und der leuchtende Baum
- ein bestimmtes Essen, das es nur an diesem Tag gibt
- die Ruhe am Nachmittag, wenn der Trubel vorbei ist
- gemeinsames Singen
- der Moment, in dem alle am Tisch sitzen
Bewusst feiern heißt für mich nicht, möglichst viel wegzulassen. Es heißt auch, ganz bewusst zu erkennen, was ich behalten möchte. Nur wenn du weißt, was dir wichtig ist, kannst du überhaupt unterscheiden, was du aus Überzeugung tust und was aus Gewohnheit.
Wenn du auch bei der Weihnachtsdeko bewusster auswählen möchtest, findest du hier meine Weihnachtsdeko-Ideen nach dem Prinzip: erst die Stimmung, dann die Dinge.
Welche Erwartungen schleppst du jedes Jahr mit?
Es sind nicht nur die Erwartungen von außen. Oft sind es die eigenen, die am schwersten wiegen.
„Alle sollen ein schönes Weihnachtsfest haben.“ „Ich möchte, dass niemand enttäuscht ist.“ „Es soll harmonisch sein.“ „Weihnachten muss sich auch wie Weihnachten anfühlen.“
Manche dieser Erwartungen sind völlig in Ordnung. Das Problem ist nicht, überhaupt Erwartungen zu haben. Interessant wird es dort, wo sie dazu führen, dass du etwas organisierst, übernimmst oder zusagst, obwohl es sich für dich längst nicht mehr stimmig anfühlt.
| Kommt dir das bekannt vor? Du planst mit, damit niemand enttäuscht wird, nur dich selbst fragst du dabei nicht. Du merkst am 23. Dezember, dass du kaum noch Kraft für den eigentlichen Tag hast. Du hältst an einem Ablauf fest, obwohl sich deine Familie längst verändert hat. Du denkst insgeheim: Eigentlich würde ich es gern anders machen, traue mich aber nicht, es auszusprechen. |
Welche Tradition gehört zu dir und welche nur zu deiner Rolle?
Manchmal verändern sich Familienkonstellationen. Kinder werden älter. Partnerschaften verändern sich. Patchwork kommt dazu. Manche Menschen fehlen, andere kommen hinzu.
Und trotzdem versuchen viele Familien, Weihnachten so zu organisieren, als hätte sich nichts verändert.
Vielleicht bist du heute gar nicht mehr dieselbe Frau, die vor zehn oder zwanzig Jahren bestimmte Rituale übernommen hat. Und vielleicht ist auch deine Familie längst eine andere.
Bei mir war genau das der Punkt, an dem der alte Ablauf nicht mehr funktioniert hat. Nicht, weil ich ihn nicht mehr wollte, sondern weil er für unsere heutige Familie schlicht nicht mehr passte.
Unser Weihnachtsbrunch: Warum wir etwas verändert haben
In einer Patchworkfamilie ist Heiligabend organisatorisch schnell kompliziert. Mehrere Familien, verschiedene Pläne, und die Frage, wie man es allen halbwegs gerecht macht, ohne dass die Kinder von einem Ort zum nächsten gehetzt werden.
Wir haben lange versucht, den klassischen Ablauf irgendwie unterzubringen. Irgendwann haben wir aufgehört, das bestehende Modell noch besser zu organisieren. Stattdessen haben wir etwas Eigenes geschaffen: einen Weihnachtsbrunch am 24. Dezember, vormittags. So können sich die Kinder diesen Tag einfach aufteilen und müssen sich nicht für einen Teil der Familie entscheiden.
Ich sage nicht, dass das die perfekte Lösung ist. Für uns hat sie funktioniert. Eine andere Familie würde vielleicht etwas völlig anderes wählen.
Der erste Gegenwind kam übrigens von der älteren Generation. Ein Brunch statt des klassischen Abends, das war erst einmal ungewohnt, fast ein kleiner Traditionsbruch. Heute lieben es alle. Der Vormittag ist entspannt, niemand muss sich hetzen, und trotzdem bleibt genug Zeit für den restlichen Tag.
✦ Manchmal liegt die Lösung nicht darin, Weihnachten besser zu organisieren. Sondern darin, eine Tradition zu verändern.
Wenn du dich fragst, wie Verantwortung und Erwartungen in einer Patchworkfamilie verteilt werden können, findest du dazu weitere Gedanken in meinen Artikeln über Patchwork.
Fünf Fragen, bevor du Weihnachten einfach wieder genauso machst
Kein großer Fragenkatalog, sondern fünf Fragen, mit denen du deinen bisherigen Ablauf einmal genauer anschauen kannst:
- Was möchte ich an Weihnachten unbedingt behalten?
- Was mache ich hauptsächlich, weil es von mir erwartet wird?
- Was würde ich dieses Jahr anders machen, wenn niemand enttäuscht wäre?
- Welche Tradition passt noch zu meinem heutigen Leben, und welche vielleicht nicht mehr?
- Wie möchte ich mich fühlen, wenn Weihnachten vorbei ist?
Die letzte Frage finde ich besonders aufschlussreich. „Wie will ich Weihnachten erleben?“ bleibt schnell vage. „Wie möchte ich mich fühlen, wenn es vorbei ist?“ kann sehr konkret zu Entscheidungen führen, weil du rückwärts denkst: von dem Gefühl zurück zu dem, was dafür heute schon anders laufen müsste.
| Eine Frage für deinen Alltag Welche Weihnachtstradition würdest du dieses Jahr anders gestalten, wenn du dich selbst genauso ernst nehmen würdest wie alle anderen in deiner Familie? |
Was ist dir an Weihnachten wirklich wichtig?
Zwischen Geschenken, Terminen, Erwartungen und Traditionen geht schnell unter, wie du Weihnachten eigentlich verbringen möchtest.
Mit dem Weihnachts-Kompass bekommst du eine praktische Checkliste und Reflexionsfragen, die dir helfen, bewusster darauf zu schauen, was dir an Weihnachten wichtig ist und was du dieses Jahr vielleicht anders gestalten möchtest.
✓ Was soll zu deinem Weihnachten gehören?
✓ Was darf weniger werden?
✓ Welche Geschenke passen wirklich zu dir?
✓ Welche Traditionen möchtest du behalten?

Weihnachten bewusst gestalten heißt nicht automatisch weniger
Das ist mir wichtig, weil hier ein Missverständnis lauert. Weihnachten bewusst gestalten bedeutet nicht zwangsläufig: weniger Menschen, weniger Aufwand, weniger Tradition, mehr Minimalismus.
Vielleicht möchtest du sogar die große Familienrunde behalten. Vielleicht liebst du wie ich das Singen und die Bibellesung. Vielleicht macht dir gerade das aufwendige Dekorieren Freude. Dann musst du daran nichts reduzieren, nur weil weniger angeblich bewusster wirkt.
Der eigentliche Unterschied liegt woanders: Tue ich es, weil es mir wichtig ist, oder weil Weihnachten eben so gemacht wird?
Und wenn du zu Weihnachten eingeladen bist und noch eine unkomplizierte Kleinigkeit suchst, findest du hier 11 Mitbringsel zu Weihnachten ohne Selbermachen.
Was dieses Jahr einfach anders sein darf
Ein paar Möglichkeiten, über die ich selbst mit den Jahren anders denke:
- Du darfst eine Tradition genau so behalten, wie sie ist
- Du darfst eine Tradition verändern
- Du darfst Gastgeberin sein, wenn du das liebst
- Du darfst aber auch einmal nicht Gastgeberin sein
- Du darfst mehrere Familien besuchen, oder auch nicht
- Du darfst entscheiden, dass es diesmal zu viel wäre
- Du darfst groß feiern
- Du darfst es klein halten
| Was dieser Gedanke nicht lösen muss Nicht alles davon wird immer ohne Konsequenzen möglich sein. Andere Menschen in deiner Familie haben ebenfalls Wünsche und Erwartungen. Bewusst entscheiden heißt deshalb nicht, dass am Ende jeder Wunsch erfüllt wird. Es heißt eher, überhaupt erst zu merken, welche Wünsche wirklich deine eigenen sind. |
Wenn du dabei tiefer einsteigen möchtest, welche Werte hinter solchen Entscheidungen eigentlich stehen, lohnt sich ein Blick in meinen Artikel Werte im Leben: Warum sie entscheiden, wie du dich fühlst.
Häufige Fragen rund um bewusstes Weihnachtsfeiern
Was bedeutet es überhaupt, Weihnachten bewusst zu gestalten?
Es bedeutet, den gewohnten Ablauf einmal bewusst zu prüfen, statt ihn automatisch zu wiederholen. Nicht jede Tradition muss verändert werden. Aber es lohnt sich zu unterscheiden, was aus Überzeugung geschieht und was nur aus Gewohnheit.
Wie finde ich heraus, welche Weihnachtstraditionen noch zu mir passen?
Ein guter Ausgangspunkt sind die fünf Fragen weiter oben im Artikel. Sie helfen dabei, zwischen dem zu unterscheiden, was du wirklich behalten möchtest, und dem, was du eher aus Erwartung heraus tust.
Muss ich alte Familientraditionen aufgeben, wenn ich Weihnachten bewusster gestalten möchte?
Nein. Bewusst gestalten heißt nicht automatisch verändern. Manchmal ist das Ergebnis, dass du genau erkennst, wie sehr dir eine bestehende Tradition am Herzen liegt, und sie deshalb bewusst weiterführst.
Wie gehe ich mit Widerstand um, wenn ich Weihnachten anders gestalten möchte?
Bei uns kam der erste Widerstand tatsächlich aus der älteren Generation. Das muss natürlich nicht überall so sein. Bei uns brauchte der neue Ablauf etwas Zeit, bis er sich selbstverständlich angefühlt hat. Wir haben den Brunch einfach eingeführt und ausprobiert, ohne gleich den Anspruch zu erheben, dass das bleiben muss.
Ist es egoistisch, Weihnachten nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten?
Eigene Bedürfnisse mitzudenken ist etwas anderes, als nur die eigenen Wünsche durchzusetzen. Bewusst gestalten heißt für mich eher, die Wünsche aller Beteiligten mitzudenken, ohne die eigenen automatisch hintenanzustellen.
Fazit
Vielleicht musst du Weihnachten dieses Jahr gar nicht neu erfinden. Vielleicht gibt es vieles, das du genauso behalten möchtest wie bisher.
Aber es lohnt sich, wenigstens einmal genauer hinzuschauen: Welche Teile dieses Weihnachtsfestes gehören wirklich zu dir, und welche laufen nur weiter, weil sie schon immer so gelaufen sind?
Manchmal verändert sich danach gar nicht viel. Nur der Unterschied zwischen „Das muss ich noch machen“ und „Das möchte ich genau so“ kann ziemlich groß sein.
Du möchtest weitere Themen rund um ein bewusstes Leben entdecken? Hier findest du alle Themenbereiche im Überblick. → Themenbereiche
Deine Kerstin






