Geborgenheit zeigt sich für mich nicht darin, dass mich jemand braucht, sondern darin, dass ich auch einmal nichts leisten muss.
„Ich erwarte hier keine Wunder. Du darfst einfach sein, wie du bist.“
Diesen Satz hat mein Mann zu mir gesagt, als wir uns im beruflichen Kontext kennengelernt haben. Ich habe ihn nie vergessen. Für mich war das der Moment, in dem ich zum ersten Mal gemerkt habe: Hier kann ich loslassen. Hier muss ich nicht nur funktionieren.
Ich weiß den genauen Wortlaut noch heute. Nicht weil er besonders kunstvoll war, sondern weil er etwas in mir gelöst hat, das ich vorher nicht einmal benennen konnte.
Im Hauptartikel zu diesem Themenbereich habe ich darüber geschrieben, was mir im Alltag Geborgenheit gibt. In diesem Artikel möchte ich genauer hinschauen: Bei welchen Menschen fühle ich mich geborgen? Was unterscheidet sie von anderen? Und was habe ich selbst verändert, damit dieser Unterschied für mich überhaupt spürbar wurde?
| Für dich, wenn … Dieser Artikel ist für dich, wenn du merkst, dass du bei den meisten Menschen in deinem Leben irgendwie funktionierst. Wenn du dich fragst, ob es überhaupt jemanden gibt, bei dem du das nicht musst. Oder wenn du selbst einmal den Unterschied zwischen normalem Für-andere-da-sein und ständigem Funktionieren-müssen sortieren möchtest. |
Was „nicht funktionieren müssen“ für mich eigentlich bedeutet
Bei meinem Mann musste ich noch nie in dem Sinn funktionieren, dass ich etwas leisten oder darstellen müsste, damit seine Zuneigung bestehen bleibt. Ich glaube, er ist der Einzige, bei dem das wirklich aus der Tiefe so ist. Bei allen anderen Menschen schon, ob das meine Tochter ist oder meine Mutter. Aber das ist für mich normal, das gehört für mich zum Leben dazu. Trotzdem fühle ich mich auch dort geborgen.
Warum?
Mir ist beim Nachdenken über diesen Artikel etwas klar geworden, das ich vorher nicht so klar gesehen hatte: Es geht mir nicht darum, ob jemand etwas von mir braucht wie meine Tochter oder meine Mama zum Beispiel.
Es geht darum, ob ich dort auch einmal nichts leisten muss, ohne dass sich etwas verändert. Und auch das gilt bei den beiden.
Das ist ein feiner, aber für mich entscheidender Unterschied. Gebraucht zu werden, kann sich schön und verbindend anfühlen. Geborgenheit bedeutet für mich jedoch zusätzlich, auch dann willkommen zu sein, wenn ich gerade nichts leiste.
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Bei meinem Mann fühlte sich das von Anfang an so an
Als ich meinen Mann kennengelernt habe, war das im beruflichen Kontext. Genau in diesem Rahmen, in dem man eigentlich am ehesten funktionieren muss, hat er zu mir gesagt: Ich erwarte hier keine Wunder. Du darfst einfach sein, wie du bist.
Das hat für mich sofort etwas verändert. Es bedeutet für mich bis heute, dass ich bei ihm nicht nur funktionieren muss, dass ich mich zeigen kann, auch mit den Tagen, an denen nicht alles rundläuft, ohne dass das etwas an seiner Zuneigung ändert.
Im Rückblick erstaunt mich, wie früh dieser Satz fiel, noch bevor überhaupt etwas Persönliches zwischen uns war. Vielleicht war genau das der Grund, warum er so viel bei mir ausgelöst hat: Er kam nicht aus einer Beziehung heraus, in der so etwas erwartet wird, sondern einfach so, aus einer Haltung heraus, die er offenbar generell hat.
✦ Vielleicht ist Geborgenheit weniger die Frage, was ein Mensch von dir braucht. Sondern die Frage, ob du bei ihm auch einmal nichts leisten musst.
Bei einem Menschen nichts leisten zu müssen, kann besonders ungewohnt sein, wenn der eigene Wert lange eng mit Leistung verbunden war. Mehr Gedanken dazu findest du hier.
Auch bei anderen Menschen „funktioniere“ ich – und das ist okay
Bei meiner Tochter und bei meiner Mutter funktioniere ich, in dem Sinn, dass ich präsent bin, mich kümmere, Verantwortung übernehme. Das ist für mich aber kein Widerspruch zu Geborgenheit. Es ist einfach, was Familie für mich bedeutet, und ich empfinde das nicht als Belastung, die mir etwas wegnimmt.
Ich will das bewusst nicht kleinreden oder umdeuten. Für meine Tochter da zu sein, mich um meine Mutter zu kümmern, das ist für mich nicht dasselbe wie das erschöpfende Funktionieren, das ich später in diesem Artikel beschreibe. Es ist eher eine Form von Verantwortung, die ich freiwillig übernehme und die sich für mich stimmig anfühlt.
Der Unterschied, den ich für diesen Artikel eigentlich suche, liegt woanders: nicht zwischen Familie und Nicht-Familie, sondern zwischen Menschen, bei denen ich mich frei fühle, so zu sein, wie ich bin, und Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, etwas leisten oder beweisen zu müssen, damit die Beziehung funktioniert.
Die Freunde, die ihr Leben selbst tragen
Eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen gehört für mich besonders dazu: meine Freunde, die einen Teil meiner Selbstständigkeit mit mir gegangen sind. Nicht alle Freunde. Menschen, bei denen ich wiederholt das Gefühl habe, dass sie mir Entwicklungen oder Erfolge nicht gönnen, erlebe ich nicht als enge Freunde. Für mich bleiben solche Kontakte eher Bekanntschaften.
Meine Freunde mögen mich, wie ich bin. Das merke ich sehr deutlich, und dort fühle ich mich uneingeschränkt wohl. Ich kann meine Wahrheit sprechen, meine Haltung vertreten. Ich merke es daran, dass sie mir zuhören, nachfragen, mitreden, ehrlich interessiert sind. Ich kann mit ihnen auch mal diskutieren, und ihre Meinung ist mir wichtig.
Wenn ich genauer hinschaue, sind es Menschen, die Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen. Ich habe bei ihnen nicht das Gefühl, für ihre Stabilität oder ihr Wohlbefinden zuständig zu sein. Und ich muss mich nicht anstrengen, damit die Verbindung bestehen bleibt.
Lesetipp: Wie ich Geborgenheit insgesamt für mich definiere, auch die Abgrenzung zu Abhängigkeit von einem bestimmten Menschen, findest du im Haupt-Artikel „Geborgenheit im Alltag: Was gibt dir heute Halt?“
Der innere Schalter, den ich umgelegt habe
Tatsächlich habe ich viele Bereiche, in denen ich dauerhaft funktionieren musste, nach und nach aus meinem Leben gestrichen oder deutlich reduziert. Treffen mit Menschen, die ich nicht zu meinen Freunden zähle, habe ich auf das Nötigste reduziert. Ich habe meine Angestelltenstelle gekündigt. Ich habe mein Network-Marketing-Umfeld aufgegeben. Und bei manchen Menschen, die von mir erwarten, dass ich funktioniere, tue ich es inzwischen einfach nicht mehr.
Im Rückblick fühlt es sich an wie ein innerer Schalter. In Wirklichkeit war es jedoch ein Prozess, der Jahre gedauert hat. Es war am Ende eine innere Erlaubnis, die ich mir selbst gegeben habe: dass ich nicht mehr für jeden verfügbar und leistungsbereit sein muss, nur damit eine Beziehung oder eine Bekanntschaft bestehen bleibt.
Lesetipp: Eigene Entscheidungen treffen – warum du dich dabei immer wieder selbst übersiehst.
Ich sage bewusst nicht, dass das ein einfacher oder schneller Weg war. Rückblickend war es kein einzelner Moment, sondern eher viele kleine Entscheidungen, die sich irgendwann zu diesem einen inneren Ja summiert haben.
| Woran du es bei dir selbst merken kannst Bei wem fühlst du dich frei, auch einmal nichts zu leisten oder zu beweisen? Wer in deinem Umfeld trägt sein eigenes Leben selbst, ohne dass du ihn stützen musst? Wo hast du das Gefühl, funktionieren zu müssen, damit eine Beziehung bestehen bleibt? Gibt es Kontakte, bei denen du dir inzwischen erlaubst, weniger zu geben als früher erwartet wurde? |
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Häufige Fragen
Bedeutet Geborgenheit durch Menschen, dass sie nichts von mir brauchen dürfen?
Nicht unbedingt. Bei mir ist es eher so, dass die Menschen, bei denen ich mich geborgen fühle, ihr eigenes Leben selbst tragen. Sie brauchen mich nicht, um mit sich selbst klarzukommen, auch wenn wir uns gegenseitig unterstützen.
Kann ich mich trotz Verantwortung in meiner Familie geborgen fühlen?
Für mich schließt sich das nicht aus. Bei meiner Tochter und meiner Mutter bedeutet Verantwortung vor allem, präsent zu sein und mich zu kümmern. Entscheidend ist für mich, dass ich auch dort nicht ständig etwas beweisen muss, um dazuzugehören.
Wie unterscheide ich Freunde von Bekannten in diesem Zusammenhang?
Für mich zeigt sich der Unterschied darin, ob jemand wirklich zuhört, nachfragt und ehrliches Interesse zeigt. Wo ich wiederholt Neid oder fehlende Gönnung wahrnehme, entsteht für mich keine enge Freundschaft.
Kann man lernen, weniger zu funktionieren, wenn man das schon lange tut?
Bei mir hat sich das verändert, allerdings nicht schnell. Es hat Jahre gedauert, bis ich mir erlaubt habe, bestimmte Erwartungen nicht mehr automatisch zu erfüllen.
Muss ich dafür alle Kontakte kündigen, bei denen ich funktioniere?
Bei mir war es kein radikaler Schnitt bei allen Menschen gleichzeitig, sondern ein Prozess, bei dem ich Schritt für Schritt geprüft habe, welche Kontakte mir noch guttun. Familie habe ich davon bewusst ausgenommen, weil sich das für mich anders anfühlt als die berufliche oder freundschaftliche Ebene.
Fazit
Für mich ist Geborgenheit durch Menschen am Ende keine Frage von großer Nähe oder vielen gemeinsamen Jahren. Es ist die Frage, ob ich bei jemandem auch einmal nichts leisten muss, um dazuzugehören.
Bei mir sind das mein Mann und eine kleine, bewusst gewachsene Gruppe von Freunden. Der Weg dahin, bestimmte Erwartungen nicht mehr automatisch zu erfüllen, hat Jahre gedauert, und er ist vermutlich noch nicht ganz abgeschlossen. Im nächsten Artikel dieser Reihe schaue ich mir an, welche Rolle ein fester Platz zu Hause für dieses Gefühl von Geborgenheit spielt.
Deine Kerstin
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