Mich selbst ernst nehmen. Wie es passiert, dass die Erwartungen anderer im Alltag manchmal mehr Gewicht bekommen als das, was du selbst möchtest.
Du weißt genau, dass du eigentlich Nein sagen wolltest. Und hast trotzdem Ja gesagt.
Neulich hat mir eine Freundin erzählt, dass sie schon seit Wochen über eine Entscheidung nachdenkt.
Sie würde gern ihre Arbeitszeit reduzieren.
Nicht, weil sie ihren Job nicht mag. Und auch nicht, weil etwas Besonderes passiert ist. Sondern einfach, weil sie merkt, dass sie mehr Zeit für sich braucht.
Die letzten Jahre waren voll. Viel Verantwortung. Viel Funktionieren. Wenig Pause.
Eigentlich ist ihre Antwort ziemlich klar: weniger arbeiten, mehr Luft im Alltag, mehr Zeit für das, was ihr gerade wichtig ist.
Und trotzdem zögert sie.
Was werden die Kollegen sagen? Ist ihr Chef enttäuscht? Müssen die anderen dann mehr auffangen? Kann sie sich das finanziell leisten? Und ist es überhaupt in Ordnung, weniger zu wollen?
Irgendwann sagte sie einen Satz, der bei mir hängen geblieben ist:
„Ich weiß genau, was ich will. Aber ich traue mich nicht, es wichtig zu nehmen.“
Ich glaube, darin liegt oft das eigentliche Problem. Für mich hat das viel mit sich selbst ernst nehmen zu tun.
Nicht unbedingt darin, dass wir nicht wissen, was wir wollen. Sondern darin, dass im entscheidenden Moment noch sehr viele andere Stimmen dazukommen: Rücksicht, Verantwortung, Erwartungen, schlechtes Gewissen.
Und plötzlich bekommt die eigene Antwort immer weniger Gewicht.
Wenn aus einem inneren Nein trotzdem ein Ja wird
Bei großen Entscheidungen fällt uns oft eher auf, dass wir uns selbst nicht ganz ernst nehmen. Im Alltag passiert es viel unauffälliger.
Du bekommst eine Einladung zu einem Geburtstag oder einem Treffen mit Freunden.
Eigentlich weißt du ziemlich schnell: Diese Woche war voll. Du bist müde. Der Gedanke an einen freien Abend fühlt sich gerade besser an als der Gedanke an die Feier.
Du würdest am liebsten absagen. Und dann beginnt das Abwägen:
Die haben sich doch Mühe gegeben.
Ich war schon länger nicht mehr dabei.
Ich kann doch nicht immer absagen.
So schlimm wird es schon nicht.
Also sagst du zu.
Nicht unbedingt, weil du deine Meinung geändert hast. Sondern weil plötzlich auch Rücksicht, Erwartungen und vielleicht ein schlechtes Gewissen mit am Tisch sitzen.
Genau solche Situationen meine ich, wenn ich von sich selbst ernst nehmen spreche.
Es bedeutet nicht, bei jeder Einladung nur noch danach zu fragen, worauf du gerade Lust hast. Andere Menschen, Verpflichtungen und Beziehungen gehören selbstverständlich zu unserem Leben.
Die entscheidende Frage ist eine andere:
Kommt das, was du selbst möchtest, in deiner Entscheidung überhaupt vor?
Denn manchmal ist unser Nein längst da. Wir behandeln nur die Gründe der anderen automatisch als wichtiger als die eigenen.
Wenn du dich darin wiedererkennst, lies auch: Eigene Bedürfnisse erkennen: Du weißt, was alle anderen brauchen. Aber was brauchst du?
Mein persönlicher Moment: Als ich mein eigenes Nein einfach übergangen habe
Ich kenne solche Situationen gut aus meinem eigenen Alltag.
Einmal hatte sich abends Besuch bei uns angekündigt. Nichts Großes. Eigentlich ein ganz normaler Abend mit Menschen, die ich gern mochte.
Nur war ich an diesem Tag völlig erschöpft. Schon Stunden vorher dachte ich: Am liebsten würde ich absagen. Und fast im selben Moment kamen die Gegengründe:
Die kommen doch extra.
Jetzt kann ich nicht mehr absagen.
Ich ziehe das einfach durch.
Also habe ich nichts gesagt.
Der Besuch kam, der Abend fand statt und nach außen war vermutlich alles völlig in Ordnung. Nur ich war innerlich kaum dabei.
Im Nachhinein beschäftigt mich daran weniger der eine Abend. Mich beschäftigt, wie selbstverständlich meine Entscheidung damals für mich war.
Mein Wunsch nach Ruhe war vorhanden. Ich hatte ihn wahrgenommen. Ich hielt ihn nur nicht für wichtig genug.
Genau darin lag für mich lange der Unterschied zwischen wissen, was ich brauche, und mich selbst ernst nehmen.
Wo Rücksicht für mich aufhört und Selbstübergehen beginnt
Rücksicht zu nehmen gehört für mich zu Beziehungen dazu.
Natürlich sage ich manchmal Ja, obwohl ich lieber Nein sagen würde. Weil mir ein Mensch wichtig ist. Weil etwas vereinbart war. Weil meine Entscheidung auch andere betrifft.
Das ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass ich mich selbst nicht ernst nehme.
Entscheidend wird für mich etwas anderes:
Habe ich wirklich abgewogen oder war meine eigene Sicht von Anfang an das Argument, das am wenigsten gezählt hat?
Vielleicht kennst du den Unterschied. Du entscheidest dich bewusst dafür, zu einer Feier zu gehen, obwohl du müde bist, weil dir dieser Geburtstag wichtig ist. Das kann sich völlig stimmig anfühlen. Anders ist es, wenn du eigentlich absagen möchtest, diesen Gedanken aber sofort wegschiebst:
Das kann ich nicht machen.
Was sollen die anderen denken?
Ich muss da jetzt durch.
Dann findet kaum noch eine echte Entscheidung statt. Das Ergebnis steht praktisch schon fest, sobald die Bedürfnisse anderer ins Spiel kommen.
Genau dort beginnt für mich das Selbstübergehen.
Nicht bei jedem Kompromiss. Nicht bei jedem Ja, das uns etwas kostet. Sondern dort, wo wir unsere eigene Sicht regelmäßig gar nicht mehr ernsthaft mit abwägen.
Ein kleiner Unterschied, der im Alltag ziemlich viel ausmacht.
Sich selbst ernst nehmen heißt nicht, immer sich selbst zu wählen
Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis.
Sich selbst ernst nehmen bedeutet nicht, dass die eigenen Wünsche ab jetzt immer Vorrang haben.
Es bedeutet auch nicht, jede Verpflichtung infrage zu stellen oder nur noch das zu tun, was sich gerade gut anfühlt.
Manchmal entscheiden wir uns bewusst für einen anderen Menschen. Manchmal stellen wir etwas Eigenes zurück. Manchmal übernehmen wir Verantwortung, obwohl wir lieber etwas anderes tun würden.
Der Unterschied liegt für mich darin, wie diese Entscheidung entsteht.
Habe ich mich selbst dabei überhaupt mitgedacht? Oder habe ich automatisch angenommen, dass die Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen der anderen wichtiger sind? Sich selbst ernst zu nehmen kann deshalb auch bedeuten, am Ende trotzdem Ja zu sagen.
Aber dieses Ja ist dann eine bewusste Entscheidung und nicht nur die Folge davon, dass das eigene Nein von Anfang an keine echte Chance hatte.
Du musst nicht immer dich selbst wählen. Aber du solltest in deinen eigenen Entscheidungen wenigstens vorkommen.
Ein inneres Nein wahrzunehmen ist also das eine. Es im Alltag ernst zu nehmen, ist oft der nächste Schritt. Im Artikel über Selbstbestimmung im Alltag geht es genau um diese Lücke zwischen Wissen und Handeln.
Woran du merkst, dass du dich gerade selbst übergehst
Das Schwierige ist oft nicht, dass wir unser eigenes Nein gar nicht wahrnehmen. Wir übergehen es nur ziemlich schnell.
Vielleicht kennst du solche Momente:
- Du möchtest eigentlich ablehnen und hörst dich trotzdem sofort zusagen.
- Du erklärst dir selbst ausführlich, warum dein Wunsch gerade nicht so wichtig ist.
- Du brauchst für dein Nein zehn gute Gründe, während ein Wunsch der anderen schon als Grund ausreicht.
- Du sagst „Ist schon okay“, obwohl du merkst, dass es für dich eigentlich nicht okay ist.
- Du denkst zuerst darüber nach, wie deine Entscheidung auf andere wirkt, und erst viel später darüber, was du selbst möchtest.
- Du gehst aus einer Situation heraus und ärgerst dich weniger über die anderen als darüber, dass du selbst wieder nichts gesagt hast.
Keiner dieser Momente bedeutet automatisch, dass du etwas falsch machst.
Aber wenn du dich darin häufig wiedererkennst, lohnt es sich vielleicht, beim nächsten Mal einen kleinen Moment länger bei deiner eigenen Antwort zu bleiben.
Nicht, um automatisch Nein zu sagen.
Sondern um nicht schon Ja zu sagen, bevor du überhaupt geprüft hast, was du selbst möchtest.
Eine kleine Pause kann schon einen Unterschied machen
Ich versuche deshalb inzwischen, nicht auf jede Bitte oder Einladung sofort zu antworten.
Manchmal reicht ein Satz wie:
„Ich schaue kurz nach und melde mich später.“
Oder:
„Ich möchte kurz darüber nachdenken.“
Das klingt unspektakulär. Ist es auch.
Aber genau diese kleine Pause verhindert, dass aus Gewohnheit schon eine Entscheidung gefallen ist, bevor ich mich selbst überhaupt gefragt habe, was für mich passt.
Für mich ist das inzwischen ein ganz praktischer Teil von sich selbst ernst nehmen: nicht sofort zu handeln, nur weil ich es bisher immer so gemacht habe.
Fragen, die dabei oft auftauchen
Was, wenn mein Nein jemanden enttäuscht?
Das kann passieren. Nicht jede Entscheidung, die für dich richtig ist, wird sich für einen anderen Menschen genauso gut anfühlen. Ich finde diesen Gedanken wichtig, weil wir Enttäuschung manchmal automatisch mit einem Fehler verwechseln. Aber jemand kann enttäuscht sein, obwohl deine Entscheidung trotzdem nachvollziehbar und fair ist. Natürlich spielt eine Rolle, wie du dein Nein aussprichst und welche Folgen deine Entscheidung für andere hat. Aber allein die Möglichkeit, dass jemand enttäuscht sein könnte, muss nicht automatisch bedeuten, dass du wieder Ja sagen musst.
Und wenn ich gar nicht weiß, was ich selbst möchte?
Dann würde ich nicht sofort mit der großen Frage beginnen: Was will ich eigentlich vom Leben? Oft ist die kleinere Frage hilfreicher: Was wäre in dieser konkreten Situation meine ehrliche Antwort, wenn ich für einen Moment nicht darüber nachdenken würde, was von mir erwartet wird? Vielleicht lautet die Antwort trotzdem Ja. Vielleicht Nein. Vielleicht auch: Ich weiß es noch nicht. Auch das darf eine Antwort sein. Für mich gehört zum sich selbst ernst nehmen deshalb inzwischen auch, nicht sofort eine Entscheidung produzieren zu müssen, nur damit die Situation erledigt ist.
Aber ich kann doch nicht ständig Nein sagen.
Nein. Darum geht es auch nicht. Sich selbst ernst zu nehmen bedeutet nicht, möglichst oft Nein zu sagen. Manchmal möchtest du helfen. Manchmal ist dir etwas wichtig genug, obwohl es gerade unbequem ist. Und manchmal gehört ein Kompromiss einfach dazu. Entscheidend ist für mich nicht, ob am Ende ein Ja oder ein Nein steht. Sondern ob du dir selbst vorher überhaupt zugehört hast.
Weitere Themenbereiche für dich:
Klarheit finden ab 40 – Orientierung, wenn sich innerlich etwas nicht mehr stimmig anfühlt
Werte & Lebensgestaltung ab 40 – wenn sich deine inneren Maßstäbe verändern
Entscheidungen treffen ab 40 – wenn vernünftige Entscheidungen sich nicht richtig anfühlen
Fazit: Sich selbst ernst nehmen beginnt im Alltag
Vor einiger Zeit habe ich zu einem Treffen Nein gesagt. Freundlich. Ohne lange Erklärung. Und natürlich habe ich kurz darüber nachgedacht, ob die andere Person enttäuscht sein könnte. Der Unterschied zu früher war nur: Ich habe diesen Gedanken nicht automatisch wichtiger genommen als meinen eigenen.
Für mich bedeutet sich selbst ernst nehmen heute genau das.
Nicht immer Nein zu sagen. Nicht immer sich selbst an die erste Stelle zu setzen. Und auch nicht, jede Entscheidung nur danach zu treffen, was gerade angenehm ist. Sondern die eigene Sicht nicht schon auszusortieren, bevor die eigentliche Entscheidung überhaupt beginnt.
Manchmal wirst du danach trotzdem Ja sagen. Manchmal Nein. Und manchmal merkst du vielleicht erst beim zweiten Hinsehen, dass du eigentlich schon längst wusstest, was du möchtest.
Du musst dich nicht immer für dich entscheiden. Aber du darfst dich bei deinen Entscheidungen mitdenken.
Deine Kerstin






