Wie Dankbarkeit im echten Leben aussehen kann, ohne dass ich mir einreden muss, alles sei gut.
Ich bin keine Verfechterin von positivem Denken. Aber es gibt eine kleine Gewohnheit, zu der ich immer wieder zurückkehre: Ich frage mich, was an diesem Tag neben allem anderen auch gut war.
Dankbarkeit im Alltag bedeutet für mich nicht, das Schwierige positiv umzudeuten. Sie bedeutet auch nicht, dass ich mich mit allem zufriedengeben muss.
Eher im Gegenteil.
Ich möchte wahrnehmen können, was gerade schwierig ist, und trotzdem nicht übersehen, was daneben ebenfalls da ist und wofür ich dankbar sein kann.
| Für dich, wenn … … du mit Dankbarkeit grundsätzlich etwas anfangen kannst, aber nicht mit dem Gefühl, ständig positiv denken zu sollen. Oder wenn du wissen möchtest, wie Dankbarkeit im Alltag aussehen kann, ohne daraus gleich die nächste Routine zu machen. |
Was Dankbarkeit im Alltag für mich bedeutet
Wenn ich von Dankbarkeit spreche, meine ich nicht dieses: Schau doch mal, wie gut du es eigentlich hast.
Mit solchen Sätzen kann ich wenig anfangen. Denn sie beantworten nicht unbedingt das, was gerade beschäftigt. Sie können sogar dazu führen, dass man anfängt, die eigenen Gedanken gegen all das aufzurechnen, was doch eigentlich gut läuft. Ich kenne das selbst sehr gut.
Ich habe gelernt, dass beides gleichzeitig wahr sein kann.
Ich kann vieles in meinem Leben schätzen und trotzdem mit einer Situation unzufrieden sein.
Ich kann dankbar für meine Familie sein und gleichzeitig genervt, erschöpft oder mit einer Entscheidung beschäftigt.
Ich kann wissen, dass es mir grundsätzlich gut geht, und trotzdem merken, dass innerlich etwas nicht mehr stimmt.
Für mich ist Dankbarkeit deshalb keine Gegenrede zu meinen Gefühlen.
Sie ist eher die Frage:
Was war heute außerdem noch da?
Vor Jahren bin ich über einen Satz gestolpert, der mir seitdem immer wieder einfällt. Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn gelesen habe oder von wem er ursprünglich stammt:
„Wenn ich morgen nur noch das hätte, wofür ich heute dankbar war, was hätte ich dann noch?“
Der Satz ist ziemlich groß für so eine kleine Frage. Und ich würde ihn auch nicht wörtlich als Aufforderung verstehen, für alles in meinem Leben ständig dankbar sein zu müssen.
Aber er hat bei mir etwas getroffen.
Wie vieles nehme ich als selbstverständlich hin, nur weil es jeden Tag da ist?
Menschen, die zu meinem Leben gehören. Mein Zuhause. Mein Körper, wenn er einfach seinen Dienst tut. Ein vertrauter Alltag. Theo, der neben mir herläuft. Ein Gespräch, über das ich fünf Minuten später schon nicht mehr nachdenke.
Vielleicht hat sich der Satz gerade deshalb bei mir festgesetzt. Nicht weil er mir sagt, dass ich dankbarer sein sollte.
Sondern weil er mich gelegentlich daran erinnert, wie schnell das Vertraute unsichtbar wird.
Wie Dankbarkeit im echten Leben aussehen kann
Bei mir ist es meistens ziemlich unspektakulär.
Ich schlafe eigentlich gut. Meistens.
Aber an manchen Abenden bin ich noch lange wach, dann liege ich im Bett und mein Kopf ist offensichtlich noch nicht fertig mit dem Tag.
Das Gedankenkarusell läuft. Dann taucht auf, was ich noch erledigen müsste. Ein Gespräch geht mir noch einmal durch den Kopf. Irgendetwas, das ich anders hätte machen können. Eine offene Frage, für die ich gerade keine Antwort habe. Nicht schlimm. Aber hartnäckig.
Und ich weiß inzwischen: Wenn ich versuche, solche Gedanken unbedingt abzustellen, funktioniert das bei mir meistens nicht besonders gut.
Also mache ich etwas anderes. Ich frage mich, wofür ich an diesem Tag dankbar bin. Nicht mit Notizbuch auf dem Nachttisch. Einfach so im Kopf, im Dunkeln, unter der Decke.
| An einem ganz normalen Abend könnte das so aussehen: Ich bin dankbar, dass mein Körper heute mitgemacht hat. Ich bin dankbar für meine Familie. Ich bin dankbar für den Moment heute Morgen, als die Sonne durchs Küchenfenster fiel. Ich bin dankbar für die ruhigen Minuten mit unserem Pudel Theo am Teich. |
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Das sind keine großen Erkenntnisse. Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Dankbarkeit findet bei mir selten in den außergewöhnlichen Momenten statt. Viel häufiger steckt sie in Dingen, die an einem normalen Tag ziemlich leicht untergehen.
✦ Nicht jeder gute Moment muss groß sein, damit er zählt.
Meine einfache Dankbarkeitsübung am Abend
Ich nenne es eigentlich nur ungern eine Übung, weil sich das für mich schon wieder nach Aufgabe anhört.
Aber im Grunde ist es genau das: Ich überlege mir drei Dinge, die an diesem Tag gut waren oder die ich nicht einfach übersehen möchte.
Drei reichen mir.
Wenn ich daraus zehn machen müsste, würde ich wahrscheinlich irgendwann anfangen, nach passenden Antworten zu suchen. Und genau das möchte ich nicht.
Es können sehr kleine Dinge sein:
Ein Gespräch, bei dem ich mich verstanden gefühlt habe.
Eine Tasse Kaffee in Ruhe.
Sonne auf dem Gesicht.
Ein erledigter Punkt, der schon länger herumlag.
Ein Spaziergang mit Theo.
Ein Moment, in dem niemand etwas von mir wollte.
Oder einfach ein Tag, an dem nichts Besonderes passiert ist.
Ich suche dabei nicht nach dem perfekten Gedanken.
Ich schaue nur kurz zurück.
Drei Fragen, wenn du es selbst ausprobieren möchtest
Falls du den Gedanken einmal mit in deinen eigenen Alltag nehmen möchtest, brauchst du dafür kein festes Ritual. Vielleicht reichen dir dieselben drei Fragen, die auch mir helfen, genauer hinzuschauen:
Was war heute angenehm?
Nicht spektakulär. Einfach angenehm.
Ein Gespräch, ein Moment draußen, ein gutes Essen, ein paar Minuten Ruhe.
Was war heute nicht selbstverständlich?
Vielleicht jemand, der für dich da war.
Etwas, das funktioniert hat.
Oder eine Situation, die leichter war, als du befürchtet hattest.
Was möchte ich von diesem Tag nicht einfach übersehen?
Diese Frage mag ich besonders.
Denn manchmal ist etwas Schönes längst passiert, bevor wir überhaupt merken, dass es schön war.
| Eine Frage für heute Abend Wenn du nicht danach suchst, was heute besonders gut war: Was war einfach gut genug, dass du es nicht übersehen möchtest? |
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Warum ich Dankbarkeit nicht mit positivem Denken verwechsle
Ich finde es anstrengend, wenn Dankbarkeit irgendwann wie eine Verpflichtung klingt.
Als müsste man das Gute nur oft genug sehen, dann würden sich die schwierigen Dinge schon relativieren.
So empfinde ich es nicht.
Wenn mich etwas beschäftigt, darf es mich beschäftigen. Wenn eine Entscheidung ansteht, muss ich sie irgendwann treffen. Wenn eine meiner Grenzen überschritten wurde, wird das nicht dadurch unwichtiger, weil andere Dinge in meinem Leben schön sind.
Dankbarkeit löst diese Themen nicht. Sie macht sie auch nicht automatisch leichter.
Für mich erweitert sie nur den Blick.
Neben dem Problem war vielleicht auch ein gutes Gespräch.
Neben der Unsicherheit vielleicht ein ruhiger Nachmittag.
Neben einer schwierigen Phase vielleicht ein Mensch, bei dem ich nichts erklären musste.
Das eine hebt das andere nicht auf.
Genau deshalb kann Dankbarkeit für mich ehrlich bleiben.
Dankbar sein bedeutet nicht, mit allem zufrieden zu sein
Dieser Unterschied ist mir besonders wichtig. Ich kann dankbar sein und trotzdem etwas verändern wollen.
Ich kann mein Leben grundsätzlich mögen und trotzdem merken, dass etwas darin nicht mehr zu mir passt.
Ich kann schätzen, was ich habe, und gleichzeitig andere Prioritäten setzen wollen.
Vielleicht ist gerade das in der zweiten Lebenshälfte manchmal ein wichtiger Unterschied.
Denn viele Dinge sind gut. Und trotzdem taucht irgendwann die Frage auf:
Möchte ich so eigentlich weitermachen?
Dankbarkeit beantwortet diese Frage nicht. Sie sollte sie für mich auch nicht zum Schweigen bringen.
Denn wenn ich dankbar sein müsste, um mir Veränderungen auszureden, würde aus Dankbarkeit schnell Anpassung.
Und das wäre nicht das, was ich darunter verstehe.
Woher diese Haltung bei mir kommt
Ich bin in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen.
Heute sehe ich einiges davon anders und habe manche Vorstellungen für mich neu sortiert.
Trotzdem hat mich diese Zeit nicht nur durch das geprägt, was ich später hinterfragt habe.
Rücksicht, Verbindlichkeit und der Blick dafür, dass vieles im Leben nicht selbstverständlich ist, hatten dort ihren Platz.
Auch Dankbarkeit gehörte dazu.
Vielleicht fühlt sie sich für mich deshalb bis heute weniger wie eine Methode an als wie eine Haltung.
Allerdings nur, solange sie ehrlich bleibt.
Sie darf für mich nicht bedeuten, Schwierigkeiten kleinzureden.
Sie darf nicht bedeuten, eigene Grenzen zu übergehen.
Und sie darf auch nicht bedeuten, dass ich mich schuldig fühlen müsste, wenn ich an einem schlechten Tag gerade nichts Positives finde.
Manche Tage dürfen einfach anstrengend sein.
Was ich an dieser kleinen Gewohnheit mag
Vielleicht mag ich sie gerade deshalb, weil sie so wenig von mir verlangt.
Ich brauche kein Journal. Keine App. Keinen festen Zeitpunkt.
Manchmal denke ich beim Zähneputzen darüber nach. Manchmal im Bett. Manchmal auf dem Weg zum Auto.
Und manchmal gar nicht.
Für mich gehört auch das zu einem achtsamen Alltag: wahrzunehmen, was tatsächlich da ist, ohne daraus sofort ein neues Projekt zu machen.
Denn auch Dankbarkeit kann schnell zur Selbstoptimierung werden, wenn aus einem freiwilligen Gedanken plötzlich eine tägliche Pflicht wird.
Das wäre nicht meins.
Was Dankbarkeit nicht lösen muss
Diese kleine Gewohnheit löst keine offenen Konflikte. Sie nimmt mir keine Entscheidung ab. Und sie macht eine schwierige Situation nicht weniger schwierig, nur weil daneben auch Gutes existiert. Das muss sie für mich aber auch nicht.
Manchmal reicht es, einen Tag nicht ausschließlich durch das zu betrachten, was ungelöst geblieben ist. Vielleicht war da noch etwas anderes. Ein kleiner Moment. Eine Begegnung. Etwas Vertrautes. Etwas, das funktioniert hat. Nicht statt des Schwierigen. Daneben.
Fazit: Dankbarkeit darf klein und ehrlich bleiben
Dankbarkeit im Alltag ist für mich keine Übung darin, das Leben möglichst positiv zu sehen.
Sie ist auch kein Versuch, schwierige Gedanken durch schönere zu ersetzen. Ich möchte mir nicht einreden müssen, dass alles gut ist.
Ich möchte nur nicht übersehen, was neben dem, was gerade schwer oder ungeklärt ist, ebenfalls zu meinem Leben gehört.
An manchen Abenden sind das bei mir drei kleine Dinge. Mehr brauche ich meistens nicht.
Und wenn mir nichts einfällt, dann ist auch das in Ordnung.
Häufige Fragen zur Dankbarkeit im Alltag
Ist Dankbarkeit dasselbe wie positives Denken?
Für mich nicht. Positives Denken kann schnell bedeuten, einen möglichst positiven Blick auf eine Situation einzunehmen. Bei Dankbarkeit geht es für mich eher darum, zusätzlich wahrzunehmen, was gut oder wertvoll war, ohne das Schwierige umzudeuten.
Wie kann ich Dankbarkeit im Alltag üben?
Ich halte es möglichst einfach. Drei konkrete Dinge am Abend reichen mir. Du kannst sie aufschreiben oder nur kurz darüber nachdenken. Wichtig finde ich weniger die Methode als die Frage, ob sie sich für dich noch ehrlich anfühlt.
Muss ich jeden Tag dankbar sein?
Nein. Ich möchte daraus keine Verpflichtung machen. Manche Tage sind einfach schwierig oder voll. Auch das darf so sein.
Was, wenn mir abends nichts einfällt?
Dann würde ich nicht krampfhaft suchen. Wenn überhaupt, helfen mir ganz kleine Dinge: ein warmes Getränk, ein kurzes Gespräch, ein Moment draußen. Und manchmal bleibt die Antwort eben aus.
Hilft Dankbarkeit bei Schlafproblemen?
Ich kann nur von meiner eigenen Erfahrung sprechen: Wenn mein Kopf abends noch sehr beschäftigt ist, nutze ich diese Gedanken manchmal, um meinen Blick für einen Moment auf etwas anderes zu richten. Das ist keine Behandlung von Schlafproblemen. Wenn Schlafprobleme über längere Zeit bestehen oder dich stark belasten, kann ärztlicher oder psychotherapeutischer Rat sinnvoll sein.
Lesetipp: Bewusster leben ab 40 – warum Funktionieren auf Dauer nicht reicht
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Wenn dich dieses Thema bewegt hat, findest du hier weitere Denkanstöße: Bewusster leben ab 40, Achtsamkeit: 5 kleine Routinen, Selbstreflexion und Journaling sowie Klarheit finden ab 40.
Deine Kerstin






